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Konstruktiver Umgang mit der Corona-Krise: Wie eine junge Frau zur Flüchtlingshelferin wurde

Es waren besondere Bedingungen, unter denen Lana Fuchs begonnen hat, sich in der Rasteder Flüchtlingshilfe zu engagieren. Als die Corona-Pandemie dann endlich zuließ, dass die 20-Jährige ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter kennenlernte, drängte sich ihr eine Frage auf: „Warum gibt es eigentlich nicht noch mehr Ehrenamtliche in meinem Alter?“

Allerdings muss Lana Fuchs zugeben: Auch ihr persönlicher Weg in die Flüchtlingshilfe war ein besonderer. Eigentlich wäre sie zu dem Zeitpunkt, als sie sich dazu entschied, noch im Ausland gewesen. Nach ihrem Abitur im vergangenen Jahr hat sie einen Freiwilligendienst in Bosnien und Herzegowina absolviert. „Ich war in Brčko, im Norden des Landes, nahe der Grenzen zu Kroatien und Serbien“, erklärt sie. Die Region sei noch immer sehr geprägt von den kriegerischen Auseinandersetzungen in den 1990er-Jahren. Dort sind alle drei involvierten Bevölkerungsgruppen – Serben, Kroaten und Bosniaken – vertreten und die Friedensarbeit spielt nach wie vor eine große Rolle. „Ich habe in einem Jugendzentrum gearbeitet, wo es darum ging, die Gemeinschaft der Ethnien in den Vordergrund zu stellen und dadurch Vorurteile abzubauen“, berichtet Fuchs, „außerdem sollten den Jugendlichen Perspektiven aufgezeigt und geboten werden.“ Durch familiäre Verbindungen nach Bosnien hatte sie erste Sprachkenntnisse und einen Bezug zur Geschichte des Landes. Während ihrer Zeit vor Ort hat sich beides intensiviert. „Dann kam Corona und wir Freiwilligen mussten von einem Tag auf den anderen ausreisen“, erzählt die junge Frau.

Dieses abrupte Ende machte ihr anfangs sehr zu schaffen. „Ich hatte ja ganz andere Pläne, wäre eigentlich noch fast ein halbes Jahr dort gewesen, hatte Freundschaften geschlossen und die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen hat mir sehr gefallen“, erinnert sie sich. Stattdessen kam sie zurück in die bis dahin unbekannte Situation, die die Pandemie mit sich brachte: „Ich hatte plötzlich gar nichts mehr zu tun, alle sollten zu Hause bleiben und persönliche Kontakte vermeiden, und gedanklich hatte ich mit meinem Auslandsaufenthalt noch gar nicht richtig abschließen können.“ Das war im März. Vor einem möglichen Ausbildungs- oder Studienbeginn lag noch viel Zeit und niemand wusste so recht, wie es überhaupt weitergehen würde. „Ich hatte damals viel Kontakt zu einem Betreuer der Organisation, die meinen Freiwilligendienst organisiert hat“, sagt Fuchs, „der hat dann ein Online-Seminar zur konstruktiven Bewältigung von Krisen angeboten, an dem ich teilgenommen habe.“

Rückblickend sieht Lana Fuchs darin den ersten Impuls für ihre Entscheidung, Flüchtlingshelferin zu werden: „Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, mich zu engagieren, und durch den Freiwilligendienst waren die Themen Krieg und Flucht sehr präsent.“ Darüber hinaus habe es sie gereizt, diese völlig anderen Lebenswelten kennenzulernen und eventuelle Hemmungen im Umgang mit ihnen bewusst abzubauen. Einen ersten Anlauf unternahm sie beim Verein „Ibis“ in Oldenburg. In der Huntestadt ist sie geboren und aufgewachsen, bis ihre Familie vor etwa fünf Jahren nach Wahnbek umgezogen ist. „Aufgrund der Pandemie sind dort leider viele Kurse und Angebote ausgefallen. Zu dem Zeitpunkt hatte Ibis nicht so viel Verwendung für mich“, schildert Lana Fuchs.

Deshalb versuchte sie es anschließend bei Marlies Felber vom Organisationsteam der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe in Rastede. „Sie hat sich total gefreut über mein Interesse“, erinnert sich Lana Fuchs, „wir hatten ein richtig angenehmes Gespräch.“ Zunächst es gab zwar auch dort keine Geflüchteten, deren Betreuung die Wahnbekerin hätte übernehmen können. Aber keine zwei Wochen später bekam sie die Nachricht, dass sie gebraucht wird: Eine Familie, die aus ihrer Heimat im mittleren Osten fliehen musste, war auf dem Weg nach Rastede.

„Ich hatte anfangs natürlich viele Fragen, wie genau meine Aufgaben aussehen oder worauf ich vielleicht achten muss“, erinnert sich Lana Fuchs. All das habe sie aber ganz unkompliziert mit Marlies Felber besprechen können. Der Rest war gewissermaßen „Learning by Doing“. Und wie sehen typische Aufgaben in der Flüchtlingshilfe aus? „Man denkt vielleicht als Erstes an die Begleitung bei Behördengängen, aber es sind auch viele Alltagsfragen, bei denen wir unterstützen“, sagt Fuchs. Gerade direkt nach der Ankunft gibt es viel zu erledigen, zum Beispiel die Einrichtung eines Bankkontos und einer Zugangsmöglichkeit zum Internet. Wichtige Ansprechpartner und Angebote vor Ort werden vorgestellt, zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz (DRK), wo Bedürftige Lebensmittel, gebrauchte Kleidung und Fahrräder bekommen können. Und dazu tauchen eben immer wieder kleine Fragen auf, unter anderem rund um die Benutzung von Bussen und Bahnen.

Das heißt aber nicht, dass die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe für alle möglichen Themen Experten sein müssten, stellt Lana Fuchs klar: „Manche haben sich im Laufe der Zeit viel Wissen in bestimmten Bereichen angeeignet, insofern ist es immer möglich, Unterstützung zu bekommen. Und natürlich kann man Aufgaben, die die eigenen Grenzen überschreiten, auch ablehnen.“ Für Lana Fuchs ist die Begleitung zu Anwaltsterminen solch eine Aufgabe: „Da geht es um die ganz persönlichen Geschichten, gerade auch den Verlauf der Flucht, da hätte ich Sorge, dass mich das emotional zu sehr berührt und anschließend vielleicht im Umgang mit diesen Menschen hemmt“, so die 20-Jährige.

Nach rund zwei Monaten ehrenamtlicher Flüchtlingshilfe fällt ihr Zwischenfazit sehr positiv aus. Die Chemie zwischen Lana Fuchs und der von ihr zu betreuenden Familie stimmt: „Aus uns sind in dieser kurzen Zeit Freunde geworden“, sagt die junge Frau, „wir tauschen uns auch viel über private Dinge aus.“ Ihre Unterstützung bei aufkommenden Fragen läuft dabei fast schon nebenher. „Der Bedarf ist in den ersten zwei bis drei Wochen am größten“, erinnert sich Lana Fuchs zurück, „da passte es ganz gut, dass ich zeitlich sehr flexibel war.“ Inzwischen hat sie eine Ausbildung zur Sozialassistentin begonnen und einen Nebenjob angenommen. Trotzdem ließe sich das mit ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit bestens vereinbaren.

Wenn es das nächste Mal zu einem persönlichen Austausch mit den anderen Flüchtlingshelferinnen und Flüchtlingshelfern kommt, wird Lana Fuchs schon von vielen eigenen Erfahrungen berichten können. Und vielleicht sind dann ja auch neue Gesichter dabei. Bedarf ist immer da, sagt Marlies Felber: „Als 2015 viele Geflüchtete nach Deutschland kamen, war die Hilfsbereitschaft in Rastede sehr groß – aber nach und nach ist das Interesse an der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit etwas abgeebbt.“ Wer sich ein Engagement vorstellen kann, darf sich gerne telefonisch unter (04402) 81118 bei ihr melden.